Schwedische Konferenz zu Epilepsie beim Border Collie

Ein schwedisches Team aus Peter Nilsson, Södra Ljunghuset, Lärkesholm und Lena Karlsson, Björkeryd, Urshult hat sich in einem aufwändigen Freizeitprojekt 2014 die Mühe gemacht, alle bekanntgewordenen Epilepsievorfälle bei schwedischen Border Collies in einem ausladenden Übersichts-Stammbaum zu kartographieren. Ihre Überlegungen und vorsichtigen persönlichen Schlüsse dazu veröffentlichten sie im Jänner 2015 in ihrem privaten Blog. Etwas mehr als eine Woche danach nahmen sie den Artikel wieder vom Netz. Durch die namentliche Nennung von eventuellen Epilepsie-Trägern innerhalb der Rasse war es zu heftigem Gegenwind gekommen. Über diese Studie habe ich im Jänner 2015 in einem Artikel berichtet.
Die heftigen Diskussionen, die dadurch ausgelöst wurden, führten aber dazu, dass der SVaK (schwedischer Border Collie Club) eine eigene Konferenz zum Thema Epilepsie ansetzte, zu der sie Experten für Genetik und Tiermedizin bat, zur aktuellen Situation Stellung zu nehmen. Hier folgt eine Zusammenfassung der Vorträge dieser Fachleute, sowie eine Übersetzung der auslösenden privaten Studie on Nilsson und Karlsson.
Zunächst einmal kurz und bündig: Zu diesen zuchtrelevanten Empfehlungen kam der SVaK im Umgang mit Epilepsie:
+ NIEMALS von Epilepsie betroffene Hunde in der Zucht verwenden
+ Zuchttiere, die einen (1) Fall von möglicher Epilepsie gebracht haben sollten nur mit grösstmöglicher Vorsicht weiter in der Zucht verwendet werden, und wenn, dann in einer anderen Partner-Kombination. Sollte es zu einem weiteren Nachkommen mit Epilepsie kommen, muss der Hund aus der Zucht ausgeschlossen werden.
+ Geschwister von betroffenen Hunden sollten mit ihrem Zucht-Debüt möglichst warten, bis sie ihr 3.-4. Lebensjahr erreicht haben. Auch sollte man versuchen, die Anzahl von Würfen von diesen Hunden gering zu halten. Sind in einem Wurf mehrere Hunde von Epilepsie befallen, soll mit den Geschwistern nicht gezüchtet werden.
+ Nachkommen von Hunden, die mit verschiedenen Partnern Epilepsie gebracht haben, sollten nur sehr vorsichtig in der Zucht verwendet werden, auch wenn sie nur Halbgeschwister von Betroffenen sind. Das heisst, man soll mit dem Zucht-Debüt warten, bis diese Hunde 3-4 Jahre alt sind und versuchen, die Anzahl ihrer Würfe niedrig zu halten. Solche Hunde zu Zucht-Matadoren zu machen, ist für die Rasse potentiell gefährlich.
+ Alle Krampfanfälle und Verdachtsfälle von Epilepsie sind natürlich weiterhin unbedingt zu melden.
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Die Epilepsiekonferenz des SVaK am 6. Mai 2015 .
 (zusammengefasste Übersetzung)
Tomas Bergström, Forscher beim Institut für Haustiergenetik und dort Zuständiger für Gentests beim Hund leitete ein mit einer Erklärung, wie Gene funktionieren und wie sich die genetische Forschung in den letzten Jahren entwickelt hat. In den letzten 10 Jahren ist de Sequenzierung des kompletten Genoms des Hundes technisch und ökonomisch möglich geworden. Das eröffnet Möglichkeiten, Mutationen zu finden, die oft die Ursachen von neuen und bisher ungewöhnlichen Krankheiten sind.
Bei den Krankheiten, auf die man bereits gentesten kann, gibt es oft eine einzelne Genmutation, von der der betroffene Hund ein doppeltes Set erben muss, also je eines von beiden Elternteilen. (einfache rezessive Vererbung). Ein Beispiel dafür ist das Imerslund-Gräsbecks-Syndrom (bei dem betroffene Hunde Vitamin B12, Kobalamin, nicht aufnehmen können),  für das seit kurzem ein Gentest angeboten wird. 

Es ist auch möglich, dass unterschiedliche genetische Ursachen bei verschiedenen Rassen zu derselben Krankheit führen. So zum Beispiel bei der Augenkrankheit PRA, die es in unterschiedlichen Varianten gibt, manchmal sogar innerhalb derselben Rasse. So gibt es zB. für PRA für manche Rassen einen Gentest, für andere aber noch nicht.

Tierärztin Cecila Rohdin führte die Konferenz weiter und berichtete über die aktuellen Erkenntnisse über Epilepsie bei Hunden, im speziellen beim Border Collie.

Epilepsie ist eine neurologische Erkrankung, die durch eine Unausgeglichenheit zwischen hemmenden und stimulierenden Transmittorsubstanzen im Hirn entsteht.

Epilepsie wird definiert durch das Vorkommen von wiederholten epileptischen Anfällen. Die Begriffsverwirrung durch die gleiche Bezeichnung des Symptoms (Anfall) und der Krankheit macht es nicht leichter, klar über die ohnehin schon komplizierten Vorgänge zu sprechen.

Epilepsieanfälle können unterschiedlich aussehen und zeichnen sich meistens dadurch aus, dass es nicht möglich ist, den Hund abzulenken oder anzusprechen, während er sich in einem Anfallsgeschehen befindet. Meistens liegt auch eine gewisse Steifheit des Körpers vor. Obwohl dem Hund meist das Bewusstsein zu fehlen scheint, gibt es auch Typen von Anfällen, bei denen der Hund scheinbar bewusst bleibt.

Oft kommen autonome (nicht willensgesteuerte) Prozesse hinzu, zB. Urinieren, Abkoten, Speicheln.

Der Anfall kann fokal sein, also nur Teile des Körpers betreffen.

Leider kann man keine eindeutige Diagnose für primäre, also genetisch bedingte Epilepsie stellen ohne ein EEG während eines Anfalls, was beim Hund praktisch unmöglich ist. Also muss man den umständlichen Weg des Ausschlusses aller anderen möglichen Ursachen gehen.

Liegen aber Anfälle vor, muss man sich eingestehen, dass primäre Epilepsie die häufigste Ursache dafür ist. Die Ausnahme sind alte Hunde, bei denen möglicherweise andere im Körper vorgehende Prozesse zu Anfällen führen können.

Leider kann man aber auch nicht davon ausgehen, dass Anfälle, die ab einem gewissen Alter auftreten, nicht genetisch bedingt sind. Beim Springer Spaniel gibt es etwa zwei Varianten von Epilepsie, eine, die typischerweise zwischen 3 und 4 Jahren auftritt und die andere, die im Alter von 6-7 Jahren beginnt.

Die meisten Anfälle finden in der Nacht statt, in der Ruhezeit. Kommt es zu einem Anfall sollte man versuchen, für Ruhe und möglichst wenig Zusatzstress zu sorgen und darauf zu achten, dass sich der Hund nicht verletzen kann. Die meisten Anfälle gehen nach ein bis zwei Minuten wieder von selber vorbei.

Leider trifft das aber oft nicht auf Border Collies zu, die häufig von langen und kräftigen Anfällen betroffen sind. Manchmal zeigen sie sich aggressiv während des Anfalls und oft sind sie noch lange nach dem Anfall davon gezeichnet. Obwohl es Anfälle in verschiedenen Varietäten gibt, folgt das Anfallsgeschehen beim einzelnen Hund oft einem erkennbaren Muster.

Hirntumore, niedriger Blutzucker, Vergiftungen oder schwere Leber-/Nierenschäden können die Auftrittsschwelle für Anfälle senken und sogenannte sekundäre Epilepsie hervorrufen. Meist haben diese Hunde aber dann auch andere Symptome als die Anfälle. Deshalb muss man leider bei einem bisher unauffälligen Hund, der Anfälle bekommt, davon ausgehen, dass es sich um primäre/genetische Epilepsie handelt.

Der Tierarzt wird zum Ausschluss anderer Ursachen eine Blutprobe, Urinprobe, CT des Gehirns, MRT, EEG oder Rückenmarks-Untersuchung vorschlagen.

Wenn man keine als Verursacher in Frage kommenden strukturellen Veränderungen im Körper oder im Gehirn feststellen kann, stellt er im Ausschlussverfahren die Dieagnose primäre Epilepsie.

Beim Border Collie beginnen die Anfälle typischerweise zwischen 1 und 5 Jahren, wobei auch vorher oder danach nicht unüblich ist. Die Auftretenswahrscheinlichkeit von Epilepsie beim Hund liegt bei 0.5- 2 Prozent, beim belgischen Schäferhund aber zB. bei 9,5 Prozent.

Kurze Anfälle schaden dem Gehirn in der Regel nicht, während häufige starke Anfälle die Anfalls-Schwelle senken können, sodass es in der Zukunft zu immer mehr Anfällen kommt.

Bei einer Studie beim Spinone wurde festgestellt, dass die Überlebenswahrscheinlichkeit gesteigert wurde, wenn man beim ersten sichtbaren Anfall gleich mit Medikation begonnen hat. Diese Vorgehensweise empfiehlt also die vortragende Tierärztin.

Die übliche Medikation ist Phenobarbital, das man mit Kaliumbromid kombinieren kann, wenn es alleine nicht genügend Effekt zeigt. Imepetion Pexion hat weniger Nebenwirkungen, ist aber auch weniger potent, weshalb die Vortragende es nicht als Erstwahl für Hunde mit Cluster-Anfällen empfiehlt.

Der Border Collie zeigt im Vergleich zu anderen Rassen leider oft sehr heftige Verläufe von Epilepsie und spricht oft nur wenig auf die zur Verfügung stehenden Medikationen an.

Die statistischen Zahlen sehen düster aus: Beim Border Collie kommt es zu 94 Prozent zu schweren Cluster-Anfällen (mehrere Anfälle an einem Tag), bei denen 53 Prozent über 5 Minuten lang anhalten (Status Epilepticus) und 71 Prozent therapieresistent sind und nicht auf die Medikation ansprechen. Hündinnen und Rüden sind gleich oft betroffen.

18 Prozent der Hunde werden mit oder ohne Medikation wieder anfallsfrei. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist aber umso geringer, je schwerer die Anfälle sind und je jünger der Hund beim Erst-Auftritt der Krankheit war.

74 Prozent sterben in der Folge der Epilepsie (durchschnittlich ca. 2 Jahre nach dem ersten Anfall.)

Der dritte Teil des Vortrags wurde von Sofia Malm gehalten, der Genetik-Spezialistin des SKK (schwedischer Kennel-Club)

Sie wies auf die vorliegenden grossen Studien zum Thema Epilepsie hin, bei den aber leider kein eindeutiger Erbgang erkannt werden konnte, sondern nur vorsichtige Vermutungen, dass es eine Art von rezessiver Vererbung geben dürft, da oft ähnliche Vorfahren in den Stammbäumen von betroffenen Hunden gefunden werden konnten, allerdings oft nicht in der Elterngeneration, sondern weiter zurückliegend.

Die Vortragende meint, dass es vermutlich keine einfache rezessive Vererbung gibt, bei der nur ein Gen die Krankheit verursacht sondern eine komplexe Vererbung, bei der mehrere Gene beteiligt sind, die aber noch keiner nach aktuellem Stand der Wissenschaft entschlüsselt hat.

Beim SVaK sind von 1983 bis heute 93 Epilepsiefälle bei Border Collies gemeldet worden. Die meisten dieser Hunde starben in Folge der Krankheit. Dass die Meldezahlen angestiegen sind, könnte ausser an der Erhöhung der Krankheitswahrscheinlichkeit natürlich auch einfach  an einer gesteigerter Meldefreudigkeit der Besitzer liegen.

Sie wies auch auf eine Statistik der Versicherungsgesellschaft Agria, hin, laut der der Border Collie eine leicht höhere Wahrscheinlichkeit für Epilepsie als der Durchschnitt anderer Hunderassen aufweist, sowie auch eine grössere Wahrscheinlichkeit als andere Rassen, aufgrund einer diagnostizierten Epilepsie zu sterben.

Die Studie von Peter Nilsson und Lena Karlsson 2014 kommentiert sie als visuell hilfreich bei der Risikobeurteilung bei der Planung einer Verpaarung. Es sei aber nicht ganz korrekt, Eltern von betroffenen Hunden als „Anlagenträger“ zu bezeichnen, solange man den Erbgang der Krankheit nicht weiss. Sie warnt ausserdem vor zu grosser Strenge bei der Selektion von Zuchttieren, da man das grosse Bild im Auge behalten müsse. Der „Epilepsie-Stammbaum“ gäge ausserdem keinerlei Informationen über den Rest der Population, also etwa wieviele gesunde Hunde aus den entsprechenden Verpaarungen oder aus anderen Verpaarungen von in diesem Stammbaum vorkommenden Hunden hervorgegangen sind.

Die Erblichkeit von Kranheiten kann man mit einer genetischer Analyse feststellen oder einen Index für unterschiedliche Eigenschaften errechnen, wie es etwa für HD bei manchen Rassen heute gemacht wird, um das Risiko bei einer konkreten Verpaarung zu errechnen. Leider ist ein Index für Epilepsie zur Zeit nicht möglich, weil man keine sichere Information über genetisch gesunde Hunde (was Epilepsie betrifft) bekommen kann.

Im Fall von vermutlich erblichen Krankheiten, deren Erbgang unbekannt ist, empfiehlt sie folgende Vorgehensweise:

+ Bewusstsein für das Problem

+ Veröffentlichung von verfügbaren Informationen zu der Krankheit

+ Kartographierung des Vorkommens und Sammlung von Information über betroffene Individuen

+ Information über allgemeine Zucht-Empfehlungen

Bei unbekanntem Erbgang sind diese Empfehlungen:

+ Befallene Hunde dürfen nicht in die Zucht

+ Elterntiere: Da es keinen Beweis dafür gibt, dass sie sicher als Träger gelten müssen, soll die Kombination, die zu einem Krankheitsfall geführt hat, nicht wiederholt werden.

+ Vorsicht bei der Zucht mit Geschwistern von befallenen Hunden

Generell sollte man auch das Risiko nach Möglichkeit streuen, also keine Matadorzucht (zu häufige Verwendung etwa von populären Deckrüden). Vorsicht bei Linienzucht. Keine Inzucht.

Obwohl Hunde, die nur einen Anfall hatten, nicht notwendigerweise als Epilepsiehunde geführt werden müssen, soll man sie möglichst trotzdem nicht in der Zucht verwenden.

Als vorbeugenden Schritt wird auch empfohlen, das Risiko innerhalb der Rasse zu streuen, indem man etwa auch Rüden sucht, die noch wenige Nachkommen haben und aus neuen (bisher unbelasteten) Blutlinien stammen.

Bei aller züchterischer Sorgfalt was die Gesundheit betrifft soll aber nicht ausser Acht gelassen werden, dass natürlich auch weiterhin das gesamte Bild der Rasse im züchterischen Blick behalten werden muss.

(Anmerkung der Übersetzerin: In Schweden dürfen Border Collies nur mit einer ziemlich schwierigen Hüteprüfung überhaupt in die Zucht)

Der schwedische Border Collie Club empfiehlt auch das Aufheben von Blutproben von betroffenen Hunden, da auf baldige Weiterentwicklung der Forschung gehofft wird. So kann der einzelne Besitzer eines Hundes mit Epilepsie immerhin dazu beitragen, dass die Wissenschaft in Zukunft befriedigendere Anfworten zu diesem unerfreulichen Thema finden kann!

 

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