Freni: Ver(w)irrt in Salzburg

 

Hier kommt jetzt endlich Frenis Salzburg-Geschichte. Unser Sommer hier geht zu Ende, demnächst sind wir wieder in Wien, und Freni dann auch wieder bei mir. Hier in Salzburg, wo ich für zwei Mega-Opern-Events bei den Salzburger Festspielen als Teil der Konzertvereinigung Staatsopernchor engagiert war, habe ich ja nur Julie und Flyte mitgehabt. Freni hat ihre eigene Sommer-Geschichte:

Der erste Monat für uns Choristen der Salzburger Festspielsaison war ziemlich hart, Proben am laufenden Band, ein Monat Arbeit ohne einen einzigen freien Tag. Im ersten Monat hatte wir zwei ganze freie Vormittage, einer davon zur Festspieleröffnung, einer nach der ersten Premiere.

Ich habe ein schönes großes Haus mit Garten in der Nähe der Salzach gemietet, gemeinsam mit meiner lieben dänischen Kollegin Kristine, die besonders von Julie schon heiß geliebt wird und sich deshalb über viele zärtliche Wellness-Abende, verwöhnt von Julies liebevoller Massagezunge, freuen darf!

Im August, als endlich die Proben vorbei waren und nur mehr die Aufführungen am Programm standen, hatte ich auch wieder viel Zeit für die Hunde, aber der Juli war wirklich sehr eng. Da Julie und Flyte beide sehr brav und problemlos sind aber ich Bedenken hatte, die wilde und temperamentvolle Freni einen Monat lang im Standgas halten zu wollen, habe ich mich dafür entschieden, eine Einladung für einen Freni-Sommeraufenthalt auf dem idyllischen Biobauernhof von Karin in Salzburg-Land anzunehmen.

Bei Karin wohnt der junge Border Collie Hilux, der mit ihr für Trials trainiert und ansonsten nach den unzähligen Tieren auf Karins Arche Noah sehen darf. Galloway-Rinder, Wasserschweine, Enten, Gänse, diverseste Hühner, zwei süße Altweltkamele und natürlich Schafe wuseln auf Karins sonnigem Hof glücklich herum… es ist ein Paradies für Tiere und besonders für Border Collies.

Und als ich mit Freni dort war, um alles zu begutachten, war auch sie ganz begeistert- von den Tieren, von Karin, von Hilux… alles schien perfekt- Freni blieb nach einem lustigen Spiel-, Tob- und Erkundungsnachmittag dort ohne mir auch nur nachzuschauen.

Ich fuhr mit Julie und Flyte nach Salzburg-Stadt. Am ersten Abend ein Telephonat mit Karin: alles bestens.

Am nächsten Morgen rufe ich nochmals an, in der ersten Probenpause. Da ist der Ton schon anders: Freni ist weg.

Karin war mit den beiden Hunden vor der Tür, um ein wenig Ball zu spielen, da plötzlich: ein Böller in der Ferne, und Freni stürzt sich hinaus auf die Straße, zischt davon und ist weg. Rufen, Nachlaufen, nichts hilft mehr!

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Wo Karin wohnt, sagen sich nicht nur die Lamas sondern auch Fuchs und Hase gute Nacht, also sind die Straßen nicht allzu gefährlich für herumlaufende Border Collies. Und normalerweise sind ja Hunde gut im Zurückfinden zu Orten, die sie mögen. Also hoffe ich, daß sie, wenn sie sich fertiggeschreckt hat, wieder umdreht und zurückkommt.

Die gute Karin setzt sich derweil ins Auto und fährt suchen. Ich sitze am ersten Probentag fest und kann ganz unmöglich aus Salzburg weg. Wir haben Proben bis 22h. Bis dahin ist Freni noch nicht zurück.

Karin, ihr hundefreundlicher Mann werden jetzt langsam ziemlich besorgt um die arme Kleine. Polizei, Jäger, Straßenmeisterei, Tierärzte und alle Biohof-Nachbarn sind verständigt, aber Freni war noch nie über Nacht im Freien und schon gar nicht alleine!!

Am nächsten Morgen ist noch immer nichts von Freni zu sehen! Wir sind verzweifelt und ratlos. Wenn man wenigstens wüßte, wo sie herumrennt. Ist sie schon in Richtung Wien unterwegs (man sagt ja, daß Hunde einen eingebauten Kompass hätten und notfalls nach Hause laufen) oder noch in der Gegend?

Versteckt sie sich oder schlendert sie die Straßen entlang? Wenn sie nach Wien unterwegs wäre, würde sie recht bald zu den gefährlichen Straßen kommen! Eine Horrorvorstellung! Aber niemand scheint sie gesehen zu haben.

Jetzt wird die Geschichte unheimlich: Eine Freundin von Karin empfiehlt ihr eine Wahrsagerin, die über Telephon vermißte Hunde wiederfindet. 

Ich halte mich für einen naturwissenschaftlich denkenden, fest in der Realität verankerten Menschen. Bei der Erwähnung von Wahrsagern, Geistheilern und Tierkommunikatoren kringeln sich mir die Zehennägel hoch und meine Alarmglocken schrillen: „Betrug, Scharlatanerei”!

Aber da es sonst nichts mehr gibt, das man machen kann, ruft Karin bei der ominösen Trixi an. Trixi mit der tiefen unheimlichen Männerstimme.

Sie bekommt ein Freni-Foto von der Homepage geschickt! Mehr als ein Foto braucht sie offensichtlich nicht, um mit dem vermißten Tier Kontakt aufzunehmen!

Während Trixi sich in das Foto versenkt, fahren Karin und ihr Mann mit dem Auto die Gegend ab, den ganzen Tag lang, mit Hilux am Rücksitz als Lockvogel, für den Fall einer Freni-Sichtung!

Ich sitzte in den Proben fest und kann gar nichts machen. Aber Freni ist inzwischen der Star des Staatsopernchores. Wir liegen im fingerdicken Bühnenstaub des Großen Festspielhauses als ehrfürchige Israeliten in „Moses und der Pharao” (Rossini), und am rechten Bühneneck entsteht eine auffällige „Liegetraube” von hilfsbereiten Kollegen, die in den Teilen, wo die Solisten singen, in Flüsterkonversation alles über Freni erfahren wollen! 

Um zehn Uhr abends, nach der Probe, rufe ich wieder bei Karin an. Die Wahrsagerin hat zugeschlagen: Mit Knalleffekt. Am späten Nachmittag hat sie Karin angerufen und gesagt, sie muß zu einer bestimmten Kreuzung fahren, denn Freni wartet dort. Karin wirft sich ins Auto und fährt hin. Dort sitzt Freni. Karin kann es nicht glauben, öffnet fassungslos die Autotür. Und Freni erschrickt und rennt wieder davon.

Es klingt so unwahrscheinlich, daß man davon eine Gänsehaut bekommt, aber: immerhin weiß man jetzt, wo sie ist!! Karin ist ganz aufgeregt am Telephon. Freni muß irgendwo im Wald hinter ihrer Kuhweide sein, also zum Glück noch ganz in der Nähe! Allerdings noch immer so verstört, daß sie sich von Karin nicht anlocken läßt! Ich rufe meine Kollegin Kristine an, bitte sie, sich um Flyte und Julie zu kümmern, über Nacht und biege zum Bahnhof ab, um zu Karin und Freni zu fahren. Ich bin ganz sicher, daß Freni zu mir kommen wird! Jetzt wo wir wissen, wo sie unefähr ist!!! Jetzt kann ich sie retten und ihr noch eine einsame Nacht im feuchten dunklen Wald ersparen!!

Nachdem des nächtens am Land nicht mehr allzuviele Züge fahren, komme wir mitten in der Nacht bei der ominösen Kuhweide an.  Die Kühe wundern sich hörbar indigniert! Ein Auto mit zwei Jugendlichen bleibt stehen. Ob wir nach dem Hund suchen? Den haben sie gerade in den Wald laufen sehen! Karin und ihr Mann lassen mich aussteigen und fahren mit dem Auto weiter die Straßen ab, auf der Suche nach Freni. Ich stapfe im Finstern zwischen den Kühen herum, langsam gewöhnen sich meine Augen an die Dunkelheit. Ich rufe im Wald, auf der Straße, zwischen verdutzt zurückmuhenden Angus-Rindern: Freeeeeni, Freeeeeni, Freeeni, komm her!! Nicht nur die Kühe, sondern auch etliche Bauern dürften in dieser Nacht an umgehende Banshees geglaubt haben! Nach einem ganzen Tag Opernproben kann man hervorragend effektvoll-sopranig in stille Wälder hineinschreien!!

Aber Freni bleibt weg. Nach zwei Stunden geben wir auf, Karin läßt mich ein wenig auf ihrem Sofa schlafen, und beim ersten Tageslicht um 5h brechen wir wieder auf und  fahren wieder mit dem Auto herum. Karin hat an verschiedenen Plätzen Hundefutter ausgelegt. Irgendjemand hat es auch aufgefressen. Freni vielleicht??

Bei 17ten Runde, zurück bei der Kuhweide kreuzt ganz plötzlich etwas Dreifärbiges im schrägen Morgensonnenlicht unseren Weg.

Mein Herz setzt einen Schlag aus. Ich steige so vorsichtig wie möglich aus, rufe ganz freundlich und sanft. Freni stoppt mitten im Trab, zuckt zusammen und flüchtet in den Wald, wie ein gehetztes Reh. Mein Gott, fühle ich mich elend! Ich habe meinen Hund gefunden, und es geschafft, sie zu verscheuchen! Sie hat nach ihrem traumatischen Erlebnis noch immer solche Angst, daß sie mir wegläuft!

Ich werfe meine Schuhe in Karins Auto (alles ist taunass und ich muß noch eine Stunde im Zug fahren und dann direkt zur Probe. Ersatz-Schuhe habe ich keine mit, denn ich komme ja auch direkt von der Probe!! ) und laufe in den Wald nach! Ein lichter Wald im Sonnenaufgang, schräge Sonnenlichtbahnen, feuchter Waldboden mit vielen frischen Frenispuren. Man kann weit sehen, Morgenvögel zwitschern verschlafen, verzweifelt klingende Freeeeni-Rufe (diesmal etwas übernachtig-sopranig) stören die Morgenidylle. Ich durchquere den ganzen Wald, bis sich die Spuren verlieren, meine Füße sind naß, bis über die Knöchel erdig und eiskalt, und ich fühle mich zum Heulen. Meine Freni ist so verschreckt, daß sie sich vor mir versteckt. Was muß sie für eine schreckliche Zeit durchleben!!! Freni ist eigentlich so ein sozialer, lustiger Hund, kommt sofort, wenn man sie ruft, freut sich, dabei sein zu dürfen, will nicht allein unterwegs sein, sondern immer in Gesellschaft, immer bei ihren Menschen.

Sie muß gerade einen Horrortrip erleben!

Und das schlimmste ist: Ich kann nicht hierbleiben. Ich muß ohne Freni zurück. Ich habe es nicht geschafft, ihr das Alleinbleiben im Wald zu ersparen, und sie hat noch immer solche Angst!

Aber es hilft nichts, ich muß mit dem Morgenzug nach Salzburg zurück. Für einen vermißten Hund bekommt man hier nicht frei, nicht in der Kunst.

Ich telephoniere mit Karin, und mit Wolfgang. Wolfgang, der Freni wirklich gern hat (sie ist ja auch ein wirklich süßes Mädchen, wenn auch mitunter etwas verrückt!!) fühlt sich bei seiner Ritterehre gepackt und bricht sofort auf, um Freni zu retten. Wir wissen, in welchem Wald Freni ihr Heim aufgeschlagen hat. Offensichtlich wohnt sie dort, noch ganz in der Nähe von Karins Hof. Sie traut sich nur nicht zu Leuten.

Vielleicht hilft es, wenn sie Darla und Zony sieht, vielleicht kommt sie dann heraus?

Eine liebe Chor-Kollegin bietet mir inzwischen an, mit mir nach den Proben mit dem Auto zu Karin zu fahren! Immerhin bin ich jetzt ziemlich sicher, daß sie auch heute abend noch im selben Wald sein wird. Dort wohnt sie ganz offensichtlich!

Ich kann erst am frühen Nachmittag wieder anrufen. Da ist Freni schon gefunden, und auf dem Weg nach Wien! Wolfgang ist wirklich die Drei-Stunden-Tour nach Salzburg gefahren. Zuerst hat er Darla und Zony in Frenis Wald spielen lassen. Aber Freni traut sich nicht herauszukommen.

Dann die geniale Idee: Freni liebt Wolfgangs Auto! Wenn sie wittert, daß es in der Nähe geparkt ist, stürzt sie sich über Straßen und Hindernisse und alles was im Weg ist und feuert sich wie ein Torpedo in den Kofferraum ab!

Schon mehr als einmal hat sie arme Uneingeweihte zu Tode erschreckt, die harmlos den Kofferraum ihres geparkten Autos aufmachen wollen und plötzlich mit einem Frenitorpedo konfrontiert sind, der sich zwischen ihren Armen durch in ihren Kofferraum katapultieren will! -Sehr peinlich! Auf Freni muß man wirklich jede Sekunde aufpassen!!!!

Wolfgangs geniale Idee: er läßt das Auto mit offenem Kofferraum einsam neben Frenis Wald stehen.

Karin, er und die Hunde fahren in Karins Auto weg.

Eine halbe Stunde später kommen sie vorsichtig zurück: Im Kofferraum sitzt Freni!!!! In ihrem Lieblingskofferraum, in dem es immer zu Schafen, Hundeplätzen, Tobwiesen, usw. geht, und der extra aus Wien gekommen ist, mit seinen vertrauten Gerüchen, um sie aus der verwirrenden Fremde und dem feuchten Wald mit all den merkwürdigen Geräusche wieder in die Heimat abzuholen!!!!

Und im Kofferraum ist sie plötzlich wieder die alte Freni! Freut sich über Wolfgang, über Darla, über Zony, ist ansprechbar und problemlos abzurufen. Der Bann ist gebrochen, der Fluch aufgehoben, Freni ist zurück!!!!

Hier ganz offiziell mein herzlichstes Dankeschön an Wolfgang, der die arme kleine Freni mit Einsatz, Hundeverstand und Herz gerettet hat. Und nicht nur das: Er hat Freni auch noch den ganzen Sommer behalten und in seinem Rudel mitgenommen. Freni hat es ihm mit besonder Anhänglichkeit gedankt und sich dem Hörensagen nach extrem bemüht, ja nicht lästig zu sein und sich brav und angepaßt zu verhalten, damit sie nicht wieder im Kuhwald verloren wird!!!

Mein Dank auch an die liebe Karin und ihren Mann, die Freni so einen schönen Sommerplatz angeboten haben und mit solchem Einsatz die Frenisuche betrieben haben. 800 Kilometer haben sie in Schnörkseln und Kringeln auf der Suche auf den Wegen und Landstraßen verfahren!!!

Naja, Freni, die kleine Zeitbombe, ist jedenfalls wieder da und seit sie gerettet ist, ist sie auch wieder lustig und vergnügt wie immer!!

P.S.: Natürlich war das Frenispaghetti, das sonst auch schon mehr als dünn ist, nach ihren zweieinhalb Tagen Wildnis dünn wie ein Gerippe, und von oben bis unten voll mit Zecken! Und einen ganzen Tag soll sie zu hause in Wien auf dem Sofa durchgeschlafen haben!

Wieder einmal wünsche ich mir, daß einem die Hunde ihre Sicht der Dinge erzählen könnten! Was da wieder in sie gefahren ist, und warum die Panik so lange angehalten hat, das würde ich ja so gerne wissen!!!

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